...schon mal vom "Blaswandeln" gehoert ?

Julean Simon, 2002


Immer wieder erstaunlich, wie schwer es manche Produkte haben es in den mainstream zu schaffen. Die Gruende dafuer sind sicherlich vielfaeltig, in unserer attention- und awareness-orientierten Zeit faengt es nicht selten mit dem Namen an: "Blaswandler". Was fuer ein Wort! Im Englischen nicht besser: "Wind Midi Controler" nennt Yamaha [1] diese Produktgruppe, bei Akai [2] heisst sie "Electronic Wind Instrument Controller".


Was steckt hinter diesen holprigen Begriffen? Die Geschichte geht zurueck zumindest in die fruehen 70-er Jahre, als Nyle Steiner, ein Trompeter und Ingenieur mit seinem Kompagnon ein elektronisches Instrument entwickelte, das einer Trompete nachempfunden war und einen Synthesizer ansteuerte [3]. Eigentlich entwickelten sie diesen Synthi, der mittels Keyboard angesteuert werden sollte, da Steiner aber nicht Klavierspielen konnte, kam ihm die Idee eines "EVI" (Electronic Valve Instrument).


"Earth, Wind and Fire" waren unter den ersten, die ein Steiner-Parker EVI kauften. Es hatte einen Luftdruck-Sensor im Mundstueck das note-on/off Daten lieferte, die Tonhoehe wurde mit drei Klappen, die Oktave mit Daumenrollern und einem drehbaren Tornister am Instrumentenende gewaehlt. Spaeter kamen weitere features hinzu, z.B. ein Lippendruck-Sensor, ein Vibrato-Sensor und der Luftdruck-Sensor konnte nun auch die relative Lautstaerke messen. Nachdem sich die Steiner-Parker Inc. 1979 aufgeloest hatte, produzierte Steiner sein EVI mit der italienischen Firma Crumar [4]. Dieses Crumar EVI wurde etwa von "Blood, Sweat and Tears" [5] eingesetzt.


Das war in etwa die Zeit, als ich meine ersten Auftritte als Saxophonist bei Jazzfestivals spielte. Ich kannte den Blaswandler nicht, aber als besessener Rohrblattschmirgler haette ich darueber vermutlich nur die Nase geruempft, wie es auch heute noch viele "Akustiker" tun. Mittlerweile hat sich das Geraet aber zu einem erstaunlich professionellen Instrument entwickelt. Yamaha ist mit der WX-Serie und Akai mit dem EWI/EVI seit 1987 auf dem Markt. Dass das elektronische Blasinstrument faszinierte, zeigt sich auch daran, dass das Museum of Modern Art in New York ein WX7 fuer seinen Sammlung erwarb.


Auf Platteninlets wird das Instrument selten erwaehnt, aber eine Recherche der Equipmentlisten von Studios dokumentiert, dass doch einige WX5 fuer Studiomusiker bereitstehen. Aber der Wind Controller ist konzeptionell ein live-Instrument. Woran liegt es dann, dass er den Weg auf die Konzertbuehne eher noch vor sich hat? Zunaechst fehlen die Vorbilder: ein nicht zu unterschaetzender Mechanismus, der der nachwachsenden Musikergeneration die Messlatte legt und sie motiviert die Grenzen zu erweitern. Fuer den Wind Controller sind wenige in Sicht: Michael Brecker [6] holt immer wieder mal sein Akai EWI raus und John Surman hat man auch schon am WX11 gehoert [7]. Vor allem findet sich kein bekannter Musiker mit dem Blaswandler als Hauptinstrument.


Warum gibt es so wenige Professionelle am Blaswandler? Die Industrie versucht ein Instrument anzubieten, das dem -blockfloetengeschulten- Einsteiger den Zugang moeglichst einfach macht. Dies scheint beim Profi allerdings den Eindruck zu erwecken, dass sich die Charakteristik und das Potential des Instruments mehr oder minder um diese Defaulteinstellungen herum offenbaren. Aber wie bei jedem anderen Instrument auch erschliessen sich die spielerischen Moeglichkeiten und die instrumentale Eigenstaendigkeit erst allmaehlich.


Wie beim professionellen Saxophonisten geht es auch beim Blaswandler darum "seinen Ton zu finden". Neben Fragen des Equipments (welcher Controller, Synthesizer, Midi-interface, PA, SW-Editor, etc.) betrifft dies vor allem auch das "patch-programming", also das Modellieren der Sounds, die der Blaswandler in einem Synthesizer ausloest - "tweaking" wie man in der Szene sagt. Dabei geht es nicht nur um den Sound, sondern vor allem auch um die Spielbarkeit einer Stimme. Beim Blaswandler ist diese Spielbarkeit kritischer als beim Keyboard, aufgrund der komplexen Interaktion von Tasten-, Blas- und Lippendruck.


Gaebe es nur Factory-Presets, ich haette das Instrument laengst weggelegt. Mit dem patch-programming wird es allerdings schnell recht technisch, ein weiterer Grund fuer die Schwierigkeit des Instruments sich zu etablieren: gute patch-Programmierer haben oft spielerische Defizite, gute Instrumentalisten sind zumeist (schutzbehauptete?) Computer-Illiteraten. Meiner Erfahrung nach sind - ein gewisser Anspruch vorausgesetzt - vorfabrizierte patches hoechstens als Ausgangspunkt fuer eigene Modifikationen brauchbar und das impliziert, dass man die Syntheseverfahren seines Synthis und die Steuerungsmechanismen des Controllers versteht. (... aber alles kann man lernen!)


Die komplexe Interaktion von Tasten-, Blas- und Lippendruck macht den Blaswandler zu einem der weitest entwickelten Human-Computer Interfaces, vergleichbar etwa mit dem Controlling im Bereich Flugsimulation. Daher beschaeftigen sich universitaere Forschungslabs [8], aber auch private Elektronikbastler [9] mit diesem Thema, was laengerfristig auf weitere Innovationen hoffen laesst. Voraussetzung dafuer ist natuerlich, dass sich ein groesserer Markt fuer Blaswandler etabliert, der die Industrie motiviert in Forschung zu investieren. Ich hoffe, dass dieser kurze Artikel dazu beitraegt, den einen oder anderen fuer Wind Controller zu interessieren [10], zumal er eine der wenigen Alternativen zum Keyboard darstellt, insbesondere wenn es um live-Performance mit Synthesizern geht.

 

FUSSNOTEN


1 Yamaha WX5 Wind MIDI Controller
http://www.yamaha.com/cgi-win/webcgi.exe/DsplyModel/?gMCD00005WX5


2 Akai Professional EWI 3020 Controller http://www.akaipro.com/jp/global/ewi/ewifs.html


3 Noch vor dem Steiner EVI wurde das Lyricon entwickelt und von Sonny Rollins erzaehlt man, dass er bereits in den 60er Jahren mit einem elektronischen Saxophon ("Cromulizer") experimentierte.

4 Crumar existiert seit 1987 auch nicht mehr. Auf Bestellung baut Nyle Steiner sein EVI aber immer noch und er bewirbt es auch mit seinen eigenen musikalischen Faehigkeiten: siehe z.B. "Benevolent Paradox" und "Dance of the Comedians" auf mp3.com, "Coolwinds", einem Site fuer "WindKuenstler" http://artists.mp3s.com/artists/269/cool_winds.html


5 Blood, Sweat & Tears. Nuclear Blues, Rhino/Avenue CD R2-71922, recorded 1980


6 z.B.:
"Nothing Personal" Michael Brecker, (MCA/Impulse) Recorded 1987
"Don't Try this At Home" Michael Brecker, 1988 Impulse!/MCA (42229 [CD])
"The Michael Brecker Band Live", AAD recording, Jazz Door 1230 (c) 1993 ITM-Media

7 "Invisible Nature" John Surman, 2002  Ecm Records (track: "Ganges Groove")


8 z.b. Dept. for Computer Science, Princeton University, Prof. Perry Cook


9 z.B. Ian Fritz mit seinem Steath http://home.earthlink.net/%7Eijfritz/

10 Div. Links zu Wind Midi Controler Seiten im Internet:
International Wind Synthesis Association (IWSA) http://windsynth.org/
Wind List online-community mi einigen hundert Subskriptienten http://www.ucs.mun.ca/~andrew/wind/
Reference Page for EWI and EVI players http://www.ewi-evi.com/
Art Whitfield, eine Szenefigur http://members.aol.com/whitfiel/artwind.htm
Patchmanmusik: Anbieter von Wind Controller Patches, hier finden sich auch interessante Infos zur Geschichte des Blaswandlers, z. B. ueber Sal Gallina, der an der WX7-Entwicklung beteiligt war http://www.patchmanmusic.com/SalGallina.html
Meine eigene Seite zum Thema http://uea-io.de/breathcontrol

c